Pädagog:innen sind die Bremse des Bildungssystems
- Jeanne Jirges

- 2. Jan.
- 6 Min. Lesezeit

Ihr Engagement ist unser größtes Problem!
Wir reden immer über die Politik, über unzureichende Budgets und unfähige Bürokratie. Aber was wäre, wenn die größte Hürde für eine echte Reform direkt im Klassenzimmer oder Gruppenraum sitzt? Was, wenn Sie – die engagierten Pädagog:innen – durch Ihre immense Opferbereitschaft die eigentliche Ursache dafür sind, dass sich im System nichts ändert?
Es liegt eindeutig auf der Hand: Pädagog:innen sind schuld am derzeitigen Zustand des Systems.
Und zwar nicht, weil sie ihren Job schlecht machen, sondern weil sie ihn zu gut machen!
Ich erlaube mir hier ganz direkt zu sein: Sie springen ein, wo das System versagt. Sie fangen jeden brennenden Fall ab. Sie managen nicht nur den Bildungsauftrag, sondern kümmern sich auch um Befindlichkeiten von Eltern sowie das Klassenklima und die Klassengemeinschaft. Sie sind das menschliche Pflaster, das über die systemischen Wunden geklebt wird. Ihr überzogenes Verantwortungsgefühl verhindert, dass der Pädagog:innenmangel in seiner vollen, desaströsen Härte sichtbar wird.
Solange Sie die Lücken schließen, glaubt die Politik, alles sei unter Kontrolle.
Sie dürfen aufhören, die Helden zu spielen. Es ist nicht Ihre Schuld, wenn das System kollabiert. Aber es ist Ihre Schuld, wenn es das nicht tut! Es ist Zeit, die Verantwortung abzugeben, damit die Last dorthin zurückkehrt, wo sie hingehört.
Fakten und Tendenzen in Österreich
Aktuelle Zahlen des Bildungsministeriums zeigen immer wieder, dass der Pädagog:innenmangel in manchen Regionen und Fächern dramatische Ausmaße annimmt.
Sonderpädagogik - Hilfe für besondere Fällen: Die rund 4.000 unbesetzten Sonderpädagogikstellen, führen täglich zu einer massiven Mehrbelastung im pädagogischen Alltag. Oft wird eine Diagnose be Kindern abgelehnt oder gar nicht erst eingeholt, weil sonst kein entsprechend geschultes Personal vorhanden wäre. Hier spreche ich aus persönlicher Erfahrung.
Attraktivität des Berufs: Ungefähr 60% der Absolvent:innen des Lehramtsstudiums können sich vorstellen, innerhalb der nächsten zwei Jahre in den Beruf einzusteigen. Bei BAfEP-Absolvent:innen sind es knapp 43%. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass bereits während den Ausbildungen schon Zweifel nagen, welche der Berufsalltag in der Regel bestätigt.
Fakten: In Wien fehlen 240 Lehrer:innen und 650 Elementarpädagog:innen. Das bedeutet, dass alle aktiven Pädagog:innen täglich einen Mangel von fast 900 unbesetzten Stellen ausgleichen. Nehmen wir die Krankenstände dazu, ist die Zahl weit höher. Die Folge davon sind Burnout, Depression und Kündigung.
Persönliche Erschöpfung kann keine dauerhafte Systemlösung sein.
Impulse für den sofortigen Einsatz: Verantwortung begrenzen
Um sich aus der "Es funktioniert ja"-Falle zu befreien, müssen Pädagog:innen ihre Energie neu ausrichten und die Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört – beim System und der Gemeinschaft.
Impuls 1: Klare Kommunikationsgrenzen setzen
Fokus: Kommunikation & Eltern
💡 Die Problematik:
In der digitalen Ära wird von Pädagog:innen oft stillschweigend erwartet, auf E-Mails, Messenger-Nachrichten oder Anrufe auch abends, am Wochenende oder in den Ferien zu reagieren. Dies führt zu ständiger mentaler Verfügbarkeit und Burnout. Jede Antwort außerhalb der Arbeitszeit suggeriert: "Ich habe unbegrenzte Kapazitäten."
Definieren Sie fixe Kommunikationszeiten für die Elternkommunikation und halten Sie diese konsequent ein. Informieren Sie die Elternschaft klar: Ihre Kommunikation (E-Mail/Telefon) erfolgt ausschließlich zwischen definierten Zeiten an Schultagen. Nicht in Ihrer Freizeit!
🛠️ Die Umsetzung: Die "Dienstzeit"-Regel
Regel festlegen: Definieren Sie klare, fixe Zeitfenster für die Elternkommunikation, die innerhalb Ihrer offiziellen Arbeitszeit liegen (z.B. Mo–Fr, 7:30 bis 16:00 Uhr).
Proaktive Information: Kommunizieren Sie diese Regel klar und deutlich zu Beginn des Schuljahres (über Klassen-E-Mail, Aushang oder Elternabend). Beispiel: "Ich lese E-Mails und beantworte Anfragen zur Kommunikation nur während meiner Dienstzeiten. Anfragen außerhalb dieser Zeiten werden am nächsten Werktag beantwortet."
Konsequente Einhaltung: Reagieren Sie nicht auf Nachrichten außerhalb dieser Zeiten. Nutzen Sie die automatische Abwesenheitsnotiz Ihrer E-Mail-App (auch wenn Sie nicht im Urlaub sind), um auf diese Zeiten hinzuweisen.
🎯 Das Ziel:
Die Erwartungshaltung, ständig erreichbar zu sein, entkoppelt Sie von der notwendigen Erholung und schützt das System davor, über zusätzliche Kommunikationsressourcen nachdenken zu müssen. Das Ziel ist, die Kommunikation zeitlich klar zu begrenzen und die eigene Erholungszeit strikt zu schützen. Wenn diese Zeit nicht reicht, ist es nicht Ihre Aufgabe, eine Lösung zu finden.
✨ Ergebnis:
Sie signalisieren, dass Ihre Freizeit tabu ist und das System (die Schulzeiten) Ihre Verfügbarkeit bestimmt. Ihr Job ist nicht Ihr gesamtes Leben - Sie dürfen Privates und Berufliches trennen.
Impuls 2: Klassengemeinschaft als Prävention etablieren
Fokus: Prävention & Gemeinschaft
💡 Die Problematik:
Viele kleine Fälle von Konflikten, Störungen oder unsozialem Verhalten landen direkt auf dem Tisch der Lehrkraft. Sie werden zum permanenten Schlichter, was enorme Energie bindet und das Gefühl der Überforderung schürt. Die Schüler:innen lernen dabei nicht, Verantwortung für das soziale Klima zu übernehmen.
Etablieren Sie tägliche 10-Minuten-Check-Ins in die Klassengemeinschaft (je nach Möglichkeit auch länger oder kürzer). Sprechen Sie mit der Klasse über aktuelle Themen, lassen Sie es zur Normalität werden, Dinge auszudiskutieren anstatt diese Still und heimlich mitzuschleppen.
🛠️ Die Umsetzung: Strukturierte Gemeinschaftszeit
Feste Routine: Führen Sie eine tägliche oder zumindest dreimal wöchentliche, kurze (max. 10 Minuten) Klassengemeinschafts-Runde ein.
Check-in/Check-out: Diese Runden dienen dem kurzen sozialen Check-in: "Was beschäftigt mich gerade?" oder "Wo brauche ich Unterstützung von der Gruppe?"
Delegation der Lösung: Bei sozialen Fällen oder Konflikten, die kurz angesprochen werden, moderieren Sie die Diskussion, anstatt die Lösung zu diktieren. Fragen Sie die Klasse: "Wie können wir als Gemeinschaft helfen, dass X sich wieder wohler fühlt?" oder "Welche Regel haben wir verletzt, und wie stellen wir das als Gruppe wieder her?"
🎯 Das Ziel:
Das Ziel ist die Verschiebung der Verantwortung für das soziale Klima: weg von der Lehrkraft, die jeden Fall einzeln als "Feuerwehr" löst, hin zur Klassengemeinschaft, die durch klare Strukturen und gegenseitige Verantwortung Konflikte von vornherein entschärft (Prävention).
✨ Ergebnis:
Sie investieren wenig Zeit in Prävention, um viel Zeit bei der Bearbeitung großer Fälle zu sparen. Die Schüler:innen entwickeln Verantwortung für die Klassengemeinschaft.
Impuls 3: Aufgaben kollegial bündeln und delegieren
Fokus: Klare "Nein"-Ansagen bei nicht-pädagogischen Aufgaben
💡 Die Problematik:
Wenn zusätzliche administrative Lasten oder die Bearbeitung komplexer Fälle ohne ausreichende Schulpsychologie oder Sozialarbeit auf den Tisch kommen, übernehmen Pädagog:innen diese oft aus Pflichtgefühl. Dies verdeckt den Personalmangel und entlastet das System.
Wenn Sie gebeten werden, eine neue administrative Aufgabe zu übernehmen, fragen Sie im Kollegium nach Teilung. Wenn sich niemand findet, muss die Schulleitung die Priorisierung vornehmen. Fokussieren Sie sich auf die Prioritäten in Ihrem Job. Sie müssen nicht alles annehmen, was Ihnen aufgetragen wird.
🛠️ Die Umsetzung: Die "Prioritäten-Frage"
Transparenz schaffen: Wenn eine neue Aufgabe (z.B. aufwändige Statistik, Organisation eines Zusatzprojekts, intensiver Fall) auf Sie zukommt, sagen Sie nicht sofort "Ja".
Die unangenehme Frage: Gehen Sie zum Vorgesetzten oder ins Kollegium und fragen Sie: "Ich bin bereits ausgelastet mit [Nennung von Hauptaufgaben, z.B. Vorbereitung und Fall-Dokumentation]. Welche meiner bestehenden Aufgaben soll ich nicht erledigen oder delegieren, damit ich diese neue Aufgabe übernehmen kann?"
Kollegiale Suche: Wenn es um die Bearbeitung eines herausfordernden Falls geht, der eigentlich externe Expertise bräuchte, fragen Sie das Kollegium, ob die Arbeit kollegial aufgeteilt werden kann. Wenn nicht, gehen Sie zu Punkt zwei "Die unangenehme Frage".
🎯 Das Ziel:
Verwaltungs- und nicht-pädagogische Aufgaben nicht stillschweigend zu übernehmen, sondern den Mangel an Ressourcen transparent zu machen, um die Administration oder Schulleitung zum Handeln zu zwingen.
✨ Ergebnis:
Sie zwingen das System (die Administration), den Mangel zu verwalten, anstatt ihn durch Ihre Überstunden zu überdecken.
Ihr Engagement ist wertvoll, aber es darf nicht die Krücke sein, auf die sich das Bildungssystem stützt, um dringend notwendige Reformen zu vermeiden.
Das Ziel ist nicht, weniger engagiert zu sein, sondern das Engagement intelligent zu lenken – dorthin, wo es den größten pädagogischen Mehrwert für die Kinder bringt und nicht dorthin, wo es administrative Lücken stopft. Nur wenn wir aufhören, die Retter zu sein, kann echter Wandel beginnen.
Die Theorie, klare Grenzen zu setzen und das Verantwortungsgefühl loszulassen, ist einfach. Die Umsetzung im stressigen pädagogischen Alltag ist es nicht. Alte Muster, wie das Helfersyndrom oder die Angst vor Kritik, sind tief verankert.
Wie geht es weiter?
Wenn Sie spüren, dass Sie sich selbst im Hamsterrad der Überlastung drehen und Schwierigkeiten haben, die Kommunikationsgrenzen zu ziehen oder komplexe Fälle ohne persönliche Erschöpfung zu managen: Sie müssen diesen Weg nicht alleine gehen.

Ihre Expertin für Pädagog:innen
Als Psychosoziale Beraterin unterstütze ich Pädagog:innen dabei, die Ursachen für eine oft erdrückende Verantwortlichkeit zu identifizieren und gezielte Strategien für die eigene Psychohygiene und Entlastung zu entwickeln.
Wir erarbeiten im Coaching handlungssichere Ansätze für eine Elternkommunikation, die klare Grenzen zieht, ohne die professionelle Beziehung zu gefährden.
Mein Ziel ist es, dass du eine innere Haltung entwickelst, die systemische Mängel als solche benennt, anstatt sie durch eigene Überlastung zu kompensieren – damit deine Leidenschaft für die Pädagogik nicht im Burnout endet.