Klassenklima verbessern
- Jeanne Jirges

- 10. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
Deine Individualität ist dein größtes Asset

Du kennst diese Person: Sie ist irgendwo in deinem Kollegium oder vielleicht auch auf Instagram, wo sie regelmäßig Bilder von handgezeichneten Lernplakaten, perfekt laminierten Arbeitsblättern und einer Klasse postet, die aussieht, als wäre sie für eine Schulbroschüre inszeniert worden. Sie ist strukturiert, hat scheinbar alles im Griff und du sitzt mit einem kalten Kaffee in der verwüsteten Klasse, überarbeitest zum dritten Mal dieselbe Stunde und fragst dich leise, ob du eigentlich gut genug bist.
Kurze Antwort: Ja.
Längere Antwort: "Bin ich gut genug", ist die falsche Frage.
Wenn du das Klassenklima verbessern möchtest, musst auf aufhören, dich selbst zu vergleichen.
Wenn wir uns vergleichen, vergleichen wir immer das Falsche. Wir sehen die fertigen Ergebnisse anderer – den perfekten Unterricht, die ruhige Klasse, das strahlende Feedback von Eltern – und vergleichen sie mit unserem eigenen Innenleben: den Zweifeln, den halbfertigen Stunden, den Tagen, an denen man froh ist, wenn alle heil nach Hause gehen.
Das ist kein fairer Vergleich. Das ist ein Vergleich zwischen der Außenseite anderer und deiner Innenseite. Und dieser Vergleich wird immer zu deinen Ungunsten ausfallen – egal wie gut du wirklich bist.
Das wissen wir eigentlich. Und trotzdem hören wir nicht damit auf. Weil der Vergleich nicht aus Logik entsteht, sondern aus dem Bedürfnis nach Orientierung. Wir wollen wissen: Bin ich auf dem richtigen Weg? Mache ich das richtig? Und weil niemand uns das klar beantwortet, suchen wir die Antwort im Außen.
Besonders Jungpädagog:innen tappen sehr schnell in diese Falle, da sie sich an den "erfahrenen" Kolleg:innen orientieren möchten. Genau hierbei beginnt aus der Orientierung Nachahmung zu werden. Und das kann nie gut gehen.
Der Vergleich ist das Problem – nicht du
Vergleiche sind nicht neutral. Sie kosten etwas. Konkret: Sie kosten dich Energie, Motivation und – langfristig – den Zugang zu deinen eigenen Stärken.
Wenn du dich ständig an anderen misst, arbeitest du gegen dich selbst. Du versuchst, so zu werden wie jemand anderes, anstatt besser in dem zu werden, was du bereits bist. Das ist nicht nur ineffizient. Es ist auch pädagogisch kontraproduktiv – denn deine Schüler:innen merken, wenn du nicht du selbst bist.
Die Pädagog:innen, an die Schüler:innen sich Jahre später noch erinnern, sind nicht die mit den schönsten Plakaten. Es sind die, die präsent waren. Die, die ehrlich waren. Die, die eine echte Verbindung hergestellt haben – nicht durch Perfektion, sondern durch Persönlichkeit. Und deine Persönlichkeit lässt sich nicht verstecken; egal, wie sehr du dich an anderen Kolleg:innen "orientierst".
Deine Persönlichkeit ist deine größte Stärke
Deine Stärke erkennen
Wenn ich Pädagog:innen frage, was sie gut können, kommt oft nach einer kurzen Pause etwas in der Art von: „Ich bin sehr geduldig im Erklären." Oder: „Naja, ich versuche zumindest, fair zu sein." Oder: "Die Kinder wissen, dass sie immer zu mir kommen können."
Das ist zu wenig.
Du hast gelernt, dich kleiner zu machen als du bist und deine Stärken nicht als Asset wahrzunehmen. Die oben genannten Aussagen sind keine Stärken, sondern Grundvoraussetzung für den Beruf. Sie sagen aber noch gar nichts über dich, deine Persönlichkeit, deine Art zu unterrichten oder deine Stärken aus.
Daher frage ich dich direkt: Was kannst du wirklich? Was machst du auf eine Weise, die deinen Unterricht ausmacht?
Vielleicht bist du die Person, die schwierige Themen so erklären kann, dass sie plötzlich Sinn ergeben.
Vielleicht merkst du als Erste, wenn ein Kind gerade nicht ganz da ist.
Vielleicht hast du die Gabe, Humor einzusetzen, ohne die Ernsthaftigkeit zu verlieren.
Vielleicht hält deine Klasse genau deswegen zusammen, weil du Gerechtigkeit nicht nur predigst, sondern lebst.
Vielleicht ist deine Klasse nicht so ordentlich strukturiert, wie die, der Kolleg:innen, aber dafür gibst du deinen Kindern Eigenverantwortung mit.
Vielleicht ist deine Stärke, in der Sprache der Kinder zu sprechen, durch die Interessen, die sie vertreten.
Vielleicht bist du die Lehrkraft, die den Elefant im Raum ausspricht, wodurch jede:r Schüler:in sich tatsächlich und vollkommen gesehen fühlt.
Das sind keine Kleinigkeiten. Das ist Handwerk. Auch, wenn es für dich nicht wie etwas Großes oder Positives wirkt, kann genau diese eine Sache der Schlüssel zu deiner pädagogischen Authentizität sein. Und du siehst es gar nicht, oder noch schlimmer: verurteilst dein größtes Asset, weil du nicht weißt, wie du es konstruktiv einsetzen sollst.
In der psychosozialen Beratung findest du heraus, was deine persönliche pädagogische Authentizität und dein stärkstes Asset ist und wie du es konstruktiv im pädagogischen Alltag einsetzen kannst.
Aktuell freie Termine für ein Kennenlerngespräch findest du hier: Aktuelle Termine
Deine Stärke gezielt einsetzen
Stärken zu kennen ist eine Sache. Sie bewusst einzusetzen, eine andere.
Wenn du weißt, dass du besonders gut in direktem Feedback bist, dann nutz das – auch wenn die Kollegin nebenan lieber auf Sternchen und Smileys setzt.
Wenn du weißt, dass du Routinen liebst und damit Sicherheit schaffst, dann steh dazu – auch wenn andere mehr Flexibilität bevorzugen.
Wenn du weißt, dass du Konflikte gut mit Humor lösen kannst, dann tu das – auch wenn der Kollege aus der 4b meint, das sei ein unprofessioneller Zugang.
Pädagogischer Stil ist kein Dogma. Er ist Persönlichkeit in Aktion.
Und: Stärken entwickeln sich, wenn man sie einsetzt. Nicht wenn man sie versteckt, weil jemand anderes angeblich etwas besser macht. Finde dein Stärke, setze sie ein, verfeinere sie und lass sie zur Selbstverständlichkeit werden, um sie an deine Schüler:innen weiterzugeben.
Denn, wie du weißt: Sage es mir und ich werde es vergessen. Zeige es mir und ich werde mich erinnern. Lass es mich selbst tun und ich werde es verstehen.
Inputs und Ideen bekommst du im 1:1 Coaching für Pädagog:innen, personalisierten SCHILF-Veranstaltungen* oder bei den Schulworkshops für Bildungseinrichtungen*.
*Zusammenarbeit auf persönliche Anfrage und über öffentliche Fördermittel abrechenbar.
Der Pädagog:innenvergleich und deine Confidence
Was deine Authentizität mit dem Klassenklima zu tun hata
Selbstbewusstsein im Lehrberuf bedeutet nicht, dass du keine Fehler machst. Es bedeutet, dass du weißt, was du kannst – und aufhörst, dich dafür zu entschuldigen.
Dir deiner selbst bewusst sein. Dazu gehören deine Stärken, wie wir heute besprochen haben, sowie deine Einstellung zu unterschiedlichen Themen, Herangehensweisen und das Bewusstsein darüber, wie du diese einsetzt.
Es bedeutet auch: Du kannst von anderen lernen, ohne dabei das Gefühl zu haben, schlechter zu sein. Der Unterschied ist entscheidend. Inspiration ist produktiv. Neid und Selbstzweifel kosten Authentizität.
Und noch etwas, das gerne übersehen wird: Wenn du dir selbst gegenüber fair bist, bist du auch deinen Schüler:innen gegenüber fairer. Wer sich selbst ständig bewertet und für unzureichend hält, neigt dazu, andere genauso zu bewerten. Wer sich selbst Stärken zugesteht, kann auch die Stärken anderer wirklich sehen. Und deine Klasse spürt, ob du sie mit all ihren Stärken siehst, weil du es ihnen vorleben musst oder weil du es wirklich selbst lebst.
Lebe ihnen mit deiner Authentizität die Lebenseinstellung vor, die du gern in der Klasse sehen möchtest. Auf diese Art schaffst du es, das Klassenklima von innen heraus zu verbessern, ohne deinen Schüler:innen Regeln oder Verhaltensordnungen "aufzudrücken".
Und wenn du dir jetzt denkst: "Aha, wieder so ein Post, der etwas vorschlägt, das sich im Alltag nicht realistisch umsetzen lässt...", dann gib dem Ganzen zwei Stunden. Ein Erstgespräch, eine Umsetzungstunde. Ich werde dich vom Gegenteil überzeugen - wie alle anderen Pädagog:innen, die vor unserer Zusammenarbeit die gleichen Gedanken hatten.
Aktuell freie Termine für ein Kennenlerngespräch findest du hier: Aktuelle Termine
Abschließender Gedanke to go
Du bist Pädagog:in in einer Zeit, in der der Lehrberuf alles auf einmal sein soll: motivierend, individualisierend, digital, inklusiv, belastbar und dabei bitte auch noch gut gelaunt.
Der einzige Weg, das langfristig zu schaffen, ohne auszubrennen: Wisse, wer du bist und was du kannst. Hör auf, das mit jemand anderem zu vergleichen, der auch nur versucht, seinen Job gut zu machen.
Deine Stärke ist nicht die Kopie von jemand anderem. Sie ist das Original von dir.
Psychosoziale Beratung
Für Pädagog:innen
Als diplomierte Pädagogin und diplomierte psychosoziale Beraterin (Lebens- und Sozialberatung – LSB, gemäß §119 GewO) biete ich Coaching im vertraulichen 1:1-Setting für Pädagog:innen, interne SCHILF-Veranstaltungen für das pädagogische Team sowie Workshops für Schulklassen an.
Hier widmen wir uns Themen wie Überforderung, Selbstzweifel, Mobbing oder dem Umgang mit schwierigen Kindern/Eltern. Mit meinem interdisziplinären Team unterstütze ich dich und deine Klasse bei Themen, die den pädagogischen Grundsatz übersteigen und im Alltag den Bildungsauftrag überschreiten.
Wenn ich dir eine Sache mitgeben darf, dann diese: Habe Mut. Mut, zur Authentizität. Mut, von anderen bewertet zu werden. Und Mut, die Pädagogin zu sein, die du früher gebraucht hättest.
Aktuell freie Termine für ein Kennenlerngespräch findest du hier: Aktuelle Termine

Über mich
Hi, ich bin Jeanne
Ich bin dipl. psychosoziale Beraterin und Confidence Coach mit Sitz in Wien.
In meiner Zeit als Elementarpädagogin habe ich Dinge erlebt, die es offiziell gar nicht gibt. Daher wurde ich in meiner Ausbildung auch nicht darauf vorbereitet.
Heute unterstütze ich mit meiner Kombination aus pädagogischer Erfahrung und psychosozialer Expertise Pädagog:innen, beim Bewältigen schwieriger Situationen. Sei es die laute Klasse mit dem Mobbingproblem, die gehässige Kollegin oder der mentale Druck vom Bildungsministerium.
Oder mit anderen Worten: Du lernst selbstbewusst wieder der/die Pädagog:in zu sein, weswegen du den Beruf überhaupt ausgewählt hast.
