Klassengemeinschaft nach den Ferien stärken
- Jeanne Jirges

- 10. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
So startest du mit deiner Klasse richtig durch

Die Ferien sind vorbei. Deine Schüler:innen kommen zurück – braungebrannt, ausgeschlafen (oder auch nicht) und mit Sommergeschichten im Gepäck, die du spätestens nach der dritten Unterbrechung aufgehört hast zu verfolgen. Einige hatten einen grandiosen Sommer, andere sind froh, wieder in der Schule sein zu dürfen. Manche freuen sich darauf, den Schulalltag wieder aufzunehmen, andere verfluchen die lästige Lernzeit. Tausend Befindlichkeiten und die Klassengemeinschaft steht wieder bei null. Manchmal sogar im Minus, wenn sich zwei beste Freundinnen aus der 3b über den Sommer via Instagram zerlegt haben.
Das ist völlig normal. Und es ist auch – wenn man es richtig angeht – eine der größten Chancen des Schuljahres.
Denn der Neustart nach den Ferien ist der seltene Moment, in dem alle gleichzeitig neu anfangen. Die Klasse, die Dynamiken, die Rollen. Und genau deshalb entscheidet, was du in den ersten zwei Wochen tust, maßgeblich darüber, wie sich das restliche Schuljahr anfühlt – für dich und für deine Schüler:innen.
Warum Klassengemeinschaft kein Nice-to-have ist
Es gibt diese hartnäckige Vorstellung, dass Gemeinschaft sich „von selbst" entwickelt, wenn man einfach lange genug zusammen ist. Das stimmt – aber eben nicht immer in die richtige Richtung. Gruppen entwickeln immer eine Dynamik. Die Frage ist nur: welche.
Kinder und Jugendliche lernen besser, wenn sie sich psychologisch sicher fühlen. Wenn sie Fragen stellen, Fehler machen und Meinungen äußern können, ohne Angst vor Spott oder sozialer Ausgrenzung zu haben. Diese Sicherheit entsteht nicht durch genug Zeit miteinander - sie muss von dir gestaltet werden.
Eine gute Klassengemeinschaft ist keine Kuschelatmosphäre ohne Streit. Sie ist ein Raum, in dem Konflikte konstruktiv ausgetragen werden können, weil die Grundbasis stimmt.
Wie du die Klassengemeinschaft stärken kannst
Auf einer Ebene, die wirklich ankommt
Kennenlernspiele aus dem Lehrerhandbuch von 2009 haben ihre Zeit gelebt. Sie sind grundsätzlich nicht schlecht, allerdings merken Jugendliche heute sofort, wenn etwas aufgesetzt wirkt. Und dann machen sie zwar mit (wenn du Glückhast) – aber innerlich sind sie schon zehn Mal woanders abgebogen.
Was wirklich funktioniert, sind echte, kurze, niedrigschwellige Verbindungsmomente.
Hier sind drei Ansätze, die in Bildungsalltag wirklich wirken:
1. Der ehrliche Summer-Check-in
Nicht: „Was habt ihr im Sommer gemacht?" – eine Frage, bei der sowieso immer dieselben drei Personen antworten. Sondern: Jede:r schreibt anonym drei ehrliche Wörter auf, die den eigenen Sommer beschreiben. Nicht jedes Kind erlebt die Zeit zuhause schön und nicht jede Familie hat Geld für tolle Urlaube. Kinder und Jugendliche sind, besonders nach den Ferien, in ihrer eigenen Welt und dürfen von dir wieder in die bewusste Gemeinschaft geführt werden.
Du sammelst ein, liest vor, die Klasse schweigt. Das ist der wichtigste Part - denn sobald kommentiert wird, wird bewertet. Worte einfach stehen zu lassen, regt zum Nachdenken und Fragen an. Halte die Stille und den Wunsch der Klasse aus, darüber zu sprechen, ohne nachzugeben. Plötzlich entsteht ein Raum, in dem verstanden und nicht nur zugehört wird.
Natürlich kannst du die Thematik weiterführend aufgreifen. Der erste Schritt ist jedoch die Stille.
2. Klassenregeln, die die Klasse selbst entwickelt
Nicht schon wieder Klassenregeln, an die sich am Ende doch niemand hält. Der Schlüssel liegt woanders: Eigenverantwortung.
Schreibe die Frage „Was brauche ich, um mich hier wohlzufühlen?“ an die Tafel und sammle gemeinsam mit deiner Klasse alle Ideen. Lass die Kinder frei überlegen und notiere jeden Vorschlag.
Anschließend kommt der entscheidende Schritt: Nimm dir bewusst Zeit, jeden einzelnen Punkt gemeinsam zu besprechen. Jedes Kind überlegt sich zu jedem Vorschlag ganz konkret, was es selbst dazu beitragen kann, damit dieser Wunsch Wirklichkeit wird.
Schreibe die Namen der Kinder und ihre persönlichen Vorhaben unter den jeweiligen Punkt. So entsteht nach und nach eine beeindruckend lange Sammlung an kleinen und großen Beiträgen. Vor allem aber entsteht etwas viel Wertvolleres als eine Liste mit Regeln: ein detaillierter Klassenvertrag, der von den Kindern selbst entwickelt wurde.
Gestaltet den Vertrag gemeinsam ansprechend und lasst ihn von allen unterschreiben. Dadurch bekommt er eine ganz andere Bedeutung, als wenn ihr nur kurz über Klassenregeln sprecht.
Das Besondere daran: Deine Schüler haben sich nicht einfach an vorgegebene Regeln angepasst. Sie haben sich selbst Gedanken darüber gemacht, welchen Beitrag sie für ein gutes Miteinander leisten können. Natürlich brauchen sie bei der Umsetzung immer wieder Unterstützung und Erinnerung. Doch die Grundlage ist geschaffen – und sie kommt aus den Kindern selbst, ohne, dass sie ihnen jemand aufs Auge gedrückt hat.
3. Stille Stärken sichtbar machen
Jede Klasse hat Schüler:innen, die viel können, aber selten im Vordergrund stehen. Die Schülerin, die anderen immer erklärt, ohne ungeduldig zu werden. Der Schüler, der sofort merkt, wenn jemand einen schlechten Tag hat. Find Wege, genau diese Stärken sichtbar zu machen – durch Aufgaben, durch Rollen, durch kurze Rückmeldungen. Nicht als Lob von oben, sondern als echte Anerkennung. Inputs und Ideen bekommst du im 1:1 Coaching für Pädagog:innen oder bei den Schulworkshops für Bildungseinrichtungen.
Die harte Wahrheit:
Es beginnt bei dir!

Hier kommt der Teil, den nicht jede:r gerne hört. Die Klassengemeinschaft ist nicht unabhängig von dir. Im Gegenteil, sie spiegelt auch deine Haltung wider.
Wenn du mit dem stillen Gedanken in das Schuljahr startest, dass „eh nichts bringt was ich mache" – dann überträgst du das. Kinder und Jugendliche spüren deine Einstellung. Sie reagieren auf das, was du ausstrahlst, nicht nur auf das, was du sagst. Das bedeutet nicht, dass du immer gut drauf sein musst. Das wäre absurd und auch nicht authentisch. Aber es bedeutet, dass deine eigene Grundhaltung – gegenüber der Klasse, gegenüber dem Jahr, gegenüber dem, was möglich ist – messbar etwas verändert.
Selbstbewusstsein ist ansteckend. Wer es vorlebt, lehrt es.
Was, wenn die Klassengemeinschaft schon belastet ist?
Manchmal kommt man nach den Ferien zurück und die Ausgangslage ist nicht nur blank – sie ist aktiv schwierig. Alte Konflikte, tiefe Grüppchenbildung, ein Mobbing-Thema, das im Sommer auf den sozialen Medien weitergegangen ist.
Der erste Reflex ist oft: Ansprechen, Regeln setzen, weitermachen. Das greift zu kurz.
Was wirklich hilft: Raum schaffen, für echte Gespräche. Keine Angst davor, den Elefant im Raum anzusprechen – er ist schon da! Viele Pädagog:innen haben Angst davor, das Offensichtliche auszusprechen, weil sie nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen möchten. Bei Konflikten im Klassenzimmer ist das der falsche Ansatz.
In kleinen Runden, in Einzelgesprächen, manchmal mit externer Unterstützung durch Workshops oder psychosoziale Beratung, werden Konflikte aufgelöst, bevor sie verhärten und sich durch das Schuljahr durchziehen. Wenn du das Gefühl hast, mit der Situation alleine nicht voranzukommen, ist das kein Scheitern, sondern dein professionelles Urteilsvermögen.
Es gibt viele Wege, die Klassengemeinschaft zu stärken. Du musst das nicht alleine lösen, melde dich bei mir. Wir bekommen das wieder hin!
Klassengemeinschaft ist kein Projekt mit Startdatum und Abgabetermin. Sie ist ein Prozess – und du bist mittendrin, nicht nur dabei. Nimm dir die ersten zwei oder sogar drei Wochen bewusst. Investiere in das Miteinander, bevor du in den Stoff investierst. Was du in Beziehungen investierst, bekommst du beim Lernen zurück – als pädagogische Realität.
Psychosoziale Beratung
Für Pädagog:innen
Als diplomierte Pädagogin und diplomierte psychosoziale Beraterin (Lebens- und Sozialberatung – LSB, gemäß §119 GewO) biete ich Coaching im vertraulichen 1:1-Setting für Pädagog:innen an sowie Workshops für Schulklassen an.
Hier widmen wir uns Themen wie Überforderung, Selbstzweifel, Mobbing oder dem Umgang mit schwierigen Kindern/Eltern. Mit meinem interdisziplinären Team unterstütze ich dich und deine Klasse bei Themen, die den pädagogischen Grundsatz übersteigen und im Bildungsalltag keinen Platz haben.
Wenn ich dir eine Sache mitgeben darf, dann diese: Habe Mut. Mut, zur Stille. Mut, zur Ehrlichkeit. Und Mut, die Pädagogin zu sein, die du früher gebraucht hättest.
Aktuell freie Termine für ein Kennenlerngespräch findest du hier: Aktuelle Termine

Über mich
Hi, ich bin Jeanne
Ich bin dipl. psychosoziale Beraterin und Confidence Coach mit Sitz in Wien.
In meiner Zeit als Elementarpädagogin habe ich Dinge erlebt, die gibt es offiziell gar nicht. Daher wurde ich auch nicht darauf vorbereitet.
Heute unterstütze ich mit meiner Kombination aus pädagogischer Erfahrung und psychosozialer Expertise Pädagog:innen, beim Bewältigen schwieriger Situationen. Sei es die laute Klasse, die gehässige Kollegin oder der Druck vom Bildungsministerium.
Oder mit anderen Worten: Du lernst selbstbewusst auf die Meinung anderer zu scheißen und wieder der/die Pädagog:in zu sein, weswegen du den Beruf überhaupt ausgewählt hast.


