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Liposuktion - TEIL 2

  • Autorenbild: Jeanne Jirges
    Jeanne Jirges
  • vor 1 Tag
  • 13 Min. Lesezeit


19. März 2026, irgendwann zwischen 11:30 und 15:00 Uhr


Gelb. Urgh… ich hasse Gelb.

Irgendwo ganz weit weg höre ich Stimmen. Mehrere Menschen unterhalten sich, gedämpft, als würden sie durch Watte sprechen. Ich weiß, dass ich in einem Bett liege. Nicht, weil ich es spüre – sondern weil mein Verstand es mir sagt.


Ich erinnere mich daran, dass ich operiert wurde - dder besser gesagt: dass ich eingeschlafen bin. Schritte. Ganz in meiner Nähe geht jemand vorbei.


Gelb. Warum ist der Raum gelb?


Ich versuche, mich umzuschauen – und merke erst jetzt, dass meine Augen geschlossen sind. Komisch. Warum kann ich sie nicht öffnen? Und warum tun mir meine Beine so weh? Ich will sie bewegen. Wirklich. Aber es geht nicht. Nichts geht. Mein Körper reagiert nicht, als würde er nicht zu mir gehören. Oder schlimmer: als hätte ich gar keinen mehr.


Fühlt sich so eine Seele an?

Körperlos – und trotzdem da?


Meine Aufmerksamkeit zieht es immer wieder zurück zu meinen Beinen. Dieser Schmerz ist das Einzige, was sich real anfühlt. Stechend. Pulsierend. Unübersehbar. Ich muss im Aufwachraum sein. Am liebsten würde ich schreien... Als ich das letzte Mal operiert wurde, konnte ich mich direkt nach dem Aufwachen aufsetzen. Ich wurde zwar ziemlich energisch darauf hingewiesen, das bitte zu unterlassen – aber ich konnte.


Dieses Mal? Nichts. Kein Zucken. Kein Muskel. Kein Versuch. Nicht einmal irgendein Gefühl. Ich will meine Muskeln bewegen, doch spüre absolut nichts. Ein kurzer Gedanke voll Panik schießt mir ein: Habe ich überhaupt noch einen Körper? Denn abgesehen von diesem brennenden Schmerz in meinen Beinen kann ich nichts wahrnehmen. Kein Gewicht. Kein Kontakt. Kein Ich. Nichts.


Vielleicht sollte ich Bescheid geben, dass ich wach werde. „Aua…“ Ich presse das Wort mühsam über meine Lippen. Okay, ein kleiner Erfolg: Ich nehme meinen Mund wieder wahr. Ein Teil von mir ist also doch noch da. Es gibt mich noch! Eigentlich war „Aua“ gar nicht das, was ich sagen wollte. Es ist nicht mein Stil, nur herumzujammern. Aber es ergibt eben Sinn – der Schmerz ist gerade wirklich kein Spaß. Lol, da hat mein Körper wohl die Abkürzung genommen. Naja, auch ok. Trotzdem... Ich muss jemanden bitten, mir Schmerzmittel zu geben. Ich kann ja mal fragen, ob ich schon welches bekommen habe. Am besten frage ich ganz direkt danach.


„Aua…“ Eine warme, weibliche Stimme antwortet links von mir: „Keine Sorge, ich gebe Ihnen noch etwas.“ Gut. Ich bin nicht allein. Das ist beruhigend. Vielleicht kann mich diese Frau ins Hier und Jetzt zurückholen. Vielleicht kann sie mir ein Zeitgefühl geben, mir sagen, wie lange ich weg war, oder zumindest wie spät es gerade ist…


„Aua…“ Oh mein Gott. Wieso kann ich nicht sprechen? Eine Welle von Panik schwappt über mich hinweg. Ich versuche es erneut. Wie spät ist es?


„Aua…“ Nein! Stopp! Ich will wissen, ob alles gut gegangen ist. Ich bin wach! Hören Sie mich? Wie spät ist es?


„Aua…“ Hilfe! Ich kann sprechen, aber mein Körper weigert sich, etwas anderes als dieses eine Wort zu formen. Es ist, als wäre die Verbindung zwischen meinem Gehirn und meiner Zunge gekappt worden. Ist das normal? Und Markus! Jemand muss ihm sagen, dass ich lebe. Bitte – irgendjemand muss ihn anrufen! Und Bandit! Ich will ihm sagen, dass es mir gut geht!


„Aua…“ - „Ich habe Ihnen bereits eine Flasche gegeben, wir müssen jetzt eine halbe Stunde warten“, antwortet die Stimme von vorhin. Immer noch genauso ruhig, genauso warm – und so schrecklich unwissend darüber, was in meinem Kopf gerade abgeht.


Bitte nicht weggehen, ich muss mit Ihnen sprechen! Hören Sie mich denn nicht? Ich fühle nichts! Ich kann nicht reden! Ich bin in meinem eigenen Körper gefangen! Bitte, Hilfe! Bitte!


„Aua…“





19. März 2026, irgendwann zwischen 11:30 und 15:00 Uhr


Wow…

Mein Körper war noch nie so schwer. Und meine Augenlider erst…


Bin ich noch in diesem gelben Raum? Ganz vorsichtig versuche ich, meine Augen zu öffnen. Erst nur einen winzigen Spalt. Alles fühlt sich zäh an, als würde ich mich durch Honig bewegen. Und dann erkenne ich es. Mein Zimmer. Mein Zweibettzimmer. Vor mir zeichnet sich die Silhouette des Tisches ab. Verschwommen, aber eindeutig da. Oh mein Gott. Zum Glück. Ich bin im Zimmer. Und das kann nur eines bedeuten: Es geht mir besser als vorhin.


Ein vorsichtiger Test. Ich konzentriere mich. Ganz bewusst. Und tatsächlich. Ich spüre meine Arme Meinen Kopf. Meinen Rücken. Ich bin wieder da. Langsam, Stück für Stück, kehrt mein Körper zu mir zurück – oder ich zu ihm. Nur meine Augen… meine Augen sind unglaublich schwer...




19. März 2026, 15:15 Uhr


Langsam, ganz langsam, schaffe ich es, meine Augenlider gegen die Schwerkraft zu stemmen. Ich muss blinzeln, als hingen kleine Gewichte an meinen Wimpern, um die Welt vor mir scharfzustellen. Aber da ist es: Mein Zimmer. Ich bin tatsächlich zurück.


Ein beruhigendes Gefühl von Kontrolle breitet sich aus, als ich vorsichtig meinen Kopf drehen kann. Mein Körper gehört mir wieder – zumindest in der Theorie. Zu meiner Rechten thront der Beistelltisch. Er ist das Ziel meiner Begierde, denn in seiner Lade wartet meine Verbindung zur Außenwelt: mein Handy.


Ich starte den ersten Versuch. Ich hebe meinen Arm. Er zittert, er wackelt, er fühlt sich an wie ein nasser Sandsack, aber immerhin – er bewegt sich.


Fast wie in Zeitlupe dirigiere ich meine Hand in Richtung der obersten Lade. Ich peile den Griff an, konzentriere mich, greife zu und... verfehle ihn komplett. Ernsthaft? Wie konnte das denn passieren? Die Distanzberechnung in meinem Kopf scheint von der Narkose noch auf „Notstrom“ geschaltet zu sein.


Zweiter Versuch. Okay, tief durchatmen. Ich platziere meine Hand vorsichtig auf Griffhöhe. Stillhalten... jetzt ganz langsam die Finger ausstrecken.


Endlich! Mein Zeige- und Mittelfinger berühren das kühle, glatte Metall. Ich lasse sie kurz darauf ausruhen, als müssten sie erst einmal die Temperatur des Griffs analysieren, bevor ich den Rest meiner Handfläche hinterherschiebe. Als ich das Metall endlich fest umschließe, ziehe ich an der Lade. Meine Bewegungen sind so unkoordiniert, als würde ich versuchen, im Weltraum rückwärts zu schwimmen, aber nach einer gefühlten Ewigkeit gelingt es mir: Ich fische mein Handy aus der Tiefe.


Mit einem triumphalen, aber wenig eleganten Rummms lasse ich die Lade zuschlagen. Völlig erschöpft bleibe ich liegen, das Handy fest in der Hand. Dieser kleine Kraftakt kam mir gerade schwerer vor als meine härtesten Trainingseinheiten im Gym – aber der erste Sieg meines neuen Lebens kam früher, als gedacht. Ha!


Am liebsten würde ich meine Augen einfach wieder schließen und weiterschlafen. Ganz ehrlich – mein ganzer Körper schreit danach. Aber ein Gedanke drängt sich durch den Nebel in meinem Kopf: Markus. Ich muss ihm Bescheid geben, dass ich wach bin. Also… halbwegs. Mit letzter Kraft drücke ich die Seitentaste meines Handys. Und dann trifft mich fast der Schlag: 15:15 Uhr


…Excuse me, what?! Das kann unmöglich sein, das glaube ich nicht.


Ich starre auf den Bildschirm, als hätte er sich gerade dazu entschieden, mich persönlich zu beleidigen. Aufwachzeit ungefähr zwei Stunden, richtig? Ich war noch nie ein Mathe-Genie, aber selbst ich bekomme das irgendwie zusammen: Wenn meine OP bis etwa 11:30 Uhr gedauert hat, hätte ich doch spätestens um 13:30 wieder… ja okay, nicht topfit, aber zumindest geistig anwesend sein sollen. Also „anwesend“ im Sinne von: sprechen können, wissen, wo oben und unten ist… solche Basics eben. Mit einer Feinmotorik, die irgendwo zwischen „Kleinkind“ und „leicht betrunkener Oktopus“ liegt, versuche ich, mein Handy zu entsperren. In diesem Moment bereue ich jede einzelne Sekunde, in der ich mich gegen die Gesichtserkennung gewehrt habe.


Ernsthaft. Wer braucht schon Datenschutz, wenn man stattdessen fünf Minuten braucht, um ein Muster einzugeben? In dem Moment muss ich an manche meiner Träume denken. Prinzipiell träume ich immer sehr lebhaft. Meine Sinne sind immer aktiv und im luziden Träumen werde ich auch immer besser. Oft träume ich davon, mein Handy entsperren zu müssen und wie Träume nunmal so sind, macht auch mein Handy im Traumland keinen Sinn. Zu viele Punkte und Reihen, um mein Muster einzugeben und trotzdem habe ich es im Laufe der Zeit geschafft, diese Hürde zu überwinden und mein Handy im Traum zu nutzen. Genauso fühlt sich dieser Moment gerade an. Und ich bin über das häufige, nächtliche Training dankbar.


Irgendwann – wie durch ein kleines Wunder – schaffe ich es tatsächlich, WhatsApp zu öffnen. Die Nachrichtenliste… ein einziges Chaos aus ungelesenen Nachrichten. Nope. Dafür reicht meine Energie gerade absolut nicht, I'm so sorry. Im Moment muss ich sie für eine Person aufwenden: Markus. Ich tippe auf den Chat.

13:06 Uhr Markus: Ich werd mich um 15 Uhr auf den Weg zu dir machen. Ich bin dann ungefähr um 15:45 da, nehme ich an.
13:06 Uhr Markus: Ich werd mich um 15 Uhr auf den Weg zu dir machen. Ich bin dann ungefähr um 15:45 da, nehme ich an.

Ich werfe noch einen Blick auf das Display. 15:26 Uhr. In meinem Kopf rattert es: In weniger als zwanzig Minuten steht Markus hier. In meinem jetzigen Zustand brauche ich für das Tippen einer WhatsApp wahrscheinlich genau diese zwanzig Minuten. Die Rechnung geht nicht auf. Also lasse ich es bleiben. In genau diesem Moment schwingt die Zimmertür auf. Eine Krankenschwester betritt den Raum, die so viel Energie ausstrahlt, dass es mich fast blendet. „Schönen guten Nachmittag!“, flötet sie motiviert in den Türrahmen hinein. „Wie sieht’s aus, hätten Sie gern einen Kaffee?“


Ich blinzle sie an. Ein Kaffee? Ich hatte alles erwartet, nur nicht das. „Ähm… geht das denn schon?“, krächze ich ungläubig. Sie zieht die Augenbrauen hoch und schaut mich fast schon amüsiert an. „Natürlich. Wie haben Sie denn das Wasser vertragen?“ Jetzt bin ich es, die sie völlig verwirrt anstarrt. Mein Gehirn durchforstet verzweifelt die letzten – wie viele Stunden waren es nochmal? – nach einer Erinnerung an Flüssigkeitsaufnahme. „Welches Wasser?“.


Ihr Blick wandert vielsagend zu meinem Beistelltisch. Dort thront ein Glas Wasser. Randvoll. Unberührt. Es sieht so aus, als hätte es dort seit Stunden meditiert, ohne dass ich es auch nur eines Blickes gewürdigt hätte.

Oh. Das Wasser. Ich schaue zurück zu ihr, und ihr motiviertes Lächeln verwandelt sich in eines dieser mitleidigen „Oje-die-Narkose-sitzt-noch-tief“-Gesichter. „Ich glaube“, sagt sie sanft, aber bestimmt, „wir lassen das mit dem Kaffee noch ein kleines bisschen bleiben.“


Nein! Bitte nicht!


In meinem Kopf protestiere ich lautstark. Ich will diesen Kaffee. Ich will ein Stück Alltag, ich will das Gefühl, wieder ein funktionierender Mensch zu sein und nicht nur ein Häufchen Verwirrung in einem OP-Kittel. Doch während ich das Glas Wasser anschaue, wird mir klar: Sie hat absolut recht. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Kaffee dort landet, wo er hingehört, und nicht auf meinem Kittel (oder schlimmer: direkt wieder ans Tageslicht befördert wird), liegt gerade bei etwa null Prozent. Well... water it is.



19. März 2026, 15:30 Uhr


„Sind Sie denn schon aufgestanden?“ In Zeitlupe – mein Gehirn scheint gerade über ein 56k-Modem zu laufen – antworte ich: „Ich bin… noch nicht mal… richtig aufgewacht.“ Ihre Körperhaltung verändert sich schlagartig. Das „Leicht-und-Locker“-Programm ist beendet. Motiviert schließt sie die Zimmertür und marschiert auf mich zu, als wäre sie ein Drill-Sergeant beim Morgensport: „Na, wenn das so ist, dann werden wir jetzt mal das Klogehen ausprobieren!“


Wir? Ganz ehrlich, auch schon egal – von mir aus können wir das im Chor machen, solange ich dieses Bett irgendwie lebend verlassen kann. Schwungvoll schiebt sie den Beistelltisch zur Seite. Erst jetzt bemerke ich, dass das Ding Rollen hat. Dann positioniert sie sich erwartungsvoll an meiner rechten Bettseite. „So, probieren Sie mal, sich hinzusetzen. Wenn Sie Hilfe benötigen, geben Sie Bescheid.“


Ich lege das Handy weg und nicke tapfer. Langsam schiebe ich meine Oberarme die Matratze entlang und stütze mich vorsichtig ab. Okay, soweit, so gut. Mein Körper fühlt sich an wie aus Blei gegossen, und meine Beine beginnen bei der kleinsten Bewegung bedrohlich zu stechen. Mit einem Ruck hieve ich mich auf meine Unterarme. Innerlich schicke ich ein Stoßgebet und ein fettes Dankeschön an jedes Armtraining, das ich jemals durchgezogen habe – ohne Trizeps-Power wäre ich jetzt verloren. Im Bett sitzend schiebe ich mich Zentimeter für Zentimeter zur Seite. Eigentlich tut das gar nicht so weh, wie ich geda...

„Aaauuu…!“, platzt es aus mir heraus. Ich nehme alles zurück. Alles! Die Beine zu bewegen ist nämlich gar nicht das Kernproblem – das Problem ist es, sie irgendwo abzulegen. Wer auch immer das Gerücht in die Welt gesetzt hat, dass sich diese Schmerzen wie ein „starker Muskelkater“ anfühlen, hatte in seinem gesamten Leben wohl noch nie Sport gemacht. Nicht mal im Ansatz. Es fühlt sich eher so an, als wären meine Beine ein einziger, riesengroßer, pulsierender blauer Fleck, auf den permanent jemand mit voller Wucht draufdrückt. Was ja technisch gesehen gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist.



In diesem Moment bemerke ich zum ersten Mal, was ich da eigentlich trage: eine schwarze, hautenge Hose. Ah, die Kompression. Das Wunderding, das einen nach der OP zusammenhalten soll. Ich frage mich kurz, wie die Chirurgen mich da im schlafenden Zustand hineingezwängt haben. Das muss eine logistische Meisterleistung gewesen sein – oder pure Gewalt. „Und jetzt vorsichtig die Beine am Bett runterhängen lassen und kurz warten“, reißt mich die Stimme der Krankenschwester aus meiner Analyse. Ach ja… die Mission „Aufstehen“.


Ich tue, wie mir befohlen wird. Mit meiner beeindruckenden Körpergröße von 1,60 m passiert natürlich das, was immer passiert: Ich berühre den Boden nicht. Also schiebe ich mich noch ein Stück weiter an den Abgrund der Matratze. Und bei aller Liebe – in dem Moment war ich mir sicher: Jetzt mache ich mich gleich an. Vor Schmerz, vor Anstrengung oder einfach, weil mein Körper mit der Gesamtsituation komplett überfordert ist.


Endlich schaffe ich es. Meine Füße berühren den Boden und ich schlittere mühsam in die bereitstehenden Schlapfen. Es sind diese dünnen, unschuldigen Stoffpatscherln in einem sanften Weiß. Zumindest waren sie das gerade noch. „Oh mein Gott...“, entweicht es mir. Mein Blick schnellt zur Krankenschwester, die die Szenerie mit einer stoischen Gelassenheit beobachtet, die man wohl nur nach Jahren im OP-Dienst entwickelt. „Sehr gut“, kommentiert sie trocken. „Jetzt warten Sie bitte noch einen Moment, bevor Sie endgültig aufstehen. Wir wollen Ihren Kreislauf ja nicht überfordern.“


Ich warte. Ich atme. Ich starre auf meine weißen Schlapfen. Als sie mit der Wartezeit zufrieden ist, schnappt sie mich am Arm – fest und sicher – und hilft mir hoch. Mein ganzer Körper protestiert, aber ich stehe. Ich warte kurz auf das Signal meiner Beine, ob sie mich gleich im Stich lassen oder ihren Dienst antreten. Und tatsächlich: Sie tragen mich „Ich stehe!“, verkünde ich stolz, fast so, als hätte ich gerade den Mount Everest bezwungen. Doch die Freude währt nur eine Millisekunde, denn im nächsten Moment spüre ich, wie meine Hose nass wird. Ein warmer, flüssiger Schwall rinnt an meinen Beinen herab. Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: Ich habe mich nicht angepinkelt. Ich stehe vielleicht gerade ein bisschen neben mir, aber mein Gespür für meine Blase ist noch voll da. Oder?


Hektisch wandert mein Blick an mir herunter. Kleine, leuchtend rote Tropfen bilden ein bizarres Muster auf dem Boden. „Ich... ich rinne!“, rufe ich völlig aufgelöst. Und ja, ich wurde darauf vorbereitet und trotzdem ist es etwas ganz Anderes, das auch wirklich zu erleben. „Das tut mir so unendlich leid, das muss jetzt wer putzen!“, platzt es aus mir heraus. Doch meine eigentliche Sorge gilt der Tatsache, dass Flüssigkeit aus meinem Körper austritt, an Körperstellen, von denen normalerweise keine Flüssigkeiten austreten. Und das in Rot.


Die Krankenschwester zuckt nicht einmal mit der Wimper und winkt einfach ab, als würde ich gerade nur ein Glas Wasser verschütten. „Ja, so ist das halt bei dieser OP. Das ist die Tumeszenzlösung, die jetzt raus muss. Alles völlig normal. Das braucht uns gerade nicht interessieren, unser Ziel ist das Badezimmer.“ Vorsichtig, wie auf Eiern, setze ich ein Bein vor das andere. Jeder Schritt ist ein Verhandlungsprozess zwischen mir, meinen schmerzenden Oberschenkeln und vor allem meiner Psyche. Doch nach ein paar Metern lockert sie ihren Griff.


„Sehr gut, den Rest versuchen Sie mal alleine.“ Ah, okay – also doch kein wir beim eigentlichen Geschäft. „Wenn Sie mich brauchen, rufen Sie sofort. Ich bleibe hier vor der Tür und warte auf Sie.“ In diesem Moment, während ich mich in Richtung Kloschüssel rette, wird mir erst klar, wie unfassbar beruhigend dieser Satz ist. Ich bin hier und warte auf Sie. In einer Welt, die gerade nur aus Schmerz, roten Tropfen und Unbekanntem besteht, ist diese Frau mein menschlicher Anker.



Im Badezimmer angekommen schleppe ich mich zur Toilette, drehe mich um – und bleibe kurz stehen. Ich starre auf den Boden. Im wunderschönen, hellen und sehr geschmackvoll eingerichteten Badezimmer habe ich eine rote Spur hinterlassen. Hänsel und Gretel wären neidisch. Und dann trifft mich die nächste Erkenntnis. Gleichzeitig Entsetzen und pure Erleichterung. Meine Hose… hat ein Loch. Ein riesiges Loch. Eine perfekt platzierte Öffnung genau dort, wo sie gebraucht wird. Für den Klogang. Ohne Ausziehen. Ohne Verrenkungen. Ohne… was auch immer ich sonst hätte veranstalten müssen.


Oh mein Gott, danke. Wirklich. Ich hätte keine Ahnung gehabt, wie ich diese Hose sonst jemals wieder von meinem Körper entfernen soll.


Vorsichtig lasse ich mich auf die Toilette sinken.


Und sofort schießt mir der Schmerz in die Beine.


Stechend. Brennend. Pulsierend.


Die gesamte Sitzfläche fühlt sich an, als hätte jemand beschlossen, sie einmal komplett durchzuprügeln. Überhaupt nicht geil und mir steigen Tränen in die Augen. Und jetzt soll ich mich auch noch entspannen? Ich sitze hier, fühle mich wie ein einziger blauer Fleck – und mein Körper soll jetzt ganz entspannt sagen: Ach ja klar, kein Problem, lassen wir mal locker? Ich versuche es trotzdem.


Okay. Komm schon.


Jeanne, du musst wirklich pinkeln. Tu es einfach.


Aber innerlich blockiert alles, denn ein Gedanke schreit lauter als alle anderen: Ich habe die Hose noch an. „Wenn ich jetzt loslege, pinkel ich mich an.“ Mein rationaler Verstand meldet sich sofort zu Wort: „Die Hose hat ein Loch. GENAU DAFÜR. Wir können uns nicht anpinkeln.“ Und trotzdem: Was, wenn doch? Okay, fuck it. Wenn es einen Ort gibt, an dem mir das passieren darf, dann ist es wohl genau hier. Ich schließe die Augen, atme und versuche Muskel für Muskel loszulassen. Erst die Schultern. Dann der Bauch. Dann… endlich… die richtigen.


Und dann— tadaa. Finally!


Eigentlich ist das Ganze schon verdammt praktisch. Abwischen, aufstehen, fertig. Das muss es wohl sein, dieses berühmte Privileg, ein Mann zu sein – keine logistischen Meisterleistungen mit der Kleidung nötig. Ein kurzer Druck auf die Spülung, Mission erfüllt. Doch als ich mich mühsam zum Wasserhahn schleppe, passiert es: Der Raum beschließt sich zu drehen.


"Nein, nein, nein!", schimpfe ich innerlich mit mir selbst. Ich will mir erst die Hände waschen, bevor ich hier heldenhaft auf die Fliesen kippe! Ich klammere mich am kühlen Porzellan des Waschbeckens fest, als wäre es eine Rettungsinsel. Mit zittrigen Fingern erreiche ich den Seifenspender und schaffe es gerade so, das Wasser über meine Hände laufen zu lassen, während ein ungutes Gefühl meine Kehle hochsteigt. Reflexartig schaue ich in den Spiegel, doch ich sehe nicht mich. Nur meine blassen, weißen Lippen. „Ich glaub, mir wird schlecht…“.


Die Tür springt auf, als hätte sie nur auf mein Startsignal gewartet. Meine persönlicher Schutzengel in Dienstkleidung ist sofort zur Stelle. Mit schnellen, sicheren Schritten stützt sie mich und dirigiert mich zurück zum Bett. Kaum liege ich wieder flach und spüre, wie die Übelkeit langsam zurckweicht, folgt die Ansage: „Sie stehen bitte unter keinen Umständen alleine auf“, sagt sie mit einem Blick, der keine Widerrede duldet. „Wenn Sie auf die Toilette müssen, rufen Sie uns. Und bitte: Trinken Sie das Wasser! Ihr Körper braucht diese Flüssigkeit jetzt.“


Sie dreht sich um und bewegt sich in Richtung Tür. „Mein Freund…“, beginne ich mit belegter Stimme. „Er müsste jeden Moment da sein. Darf er zu mir rein?“ Sie hält inne und ihr strenger medizinischer Blick weicht einem warmen Lächeln. „Aber selbstverständlich! Wir schicken ihn sofort zu Ihnen, sobald er eingecheckt hat.“ Mit diesen Worten schließt sie die Tür und ich meine Augen.



Hattest du schon eine OP?

  • Ja und mir ging es ähnlich...

  • Ja, aber mir ging es ganz gut danach.

  • Bisher noch nicht *klopf auf Holz*


Warum ich diesen Lipödem-Blog schreibe



In dieser Phase hätte ich jemand gebraucht, der genau das schon durchgemacht hat. Jemand, der versteht, dass man sich zwischen Eisbeuteln und der Angst vor der Zukunft verliert. Ich möchte, kann und werde niemanden medizinisch auf die Liposuktion vorbereiten, denn das kann, darf und will ich nicht. Mir geht es um die mentale Vorbereitung und Begleitung durch diese Zeit und auch danach. Denn die Heilung zu einem selbst beginnt im Kopf, lange bevor das erste Kompressionsmieder angezogen wird.


In diesem Blog teile ich meine persönliche Erfahrung, was mir geholfen hat und was ich hätte vermeiden sollen. Diese Erfahrung wird nicht auf jede Person zutreffen. Aber es ist ein ehrlicher Einblick in die Zeit nach der Liposuktion und die Dinge, die ich gerne vorher gewusst hätte.


Alles Liebe

Jeanne



 

Confidence Coaching mit Jeanne Jirges, dipl. Psychosozialer Beraterin in 1190 Wien & online.

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