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Nicht alle Beine sind zum Zeigen da.

  • Autorenbild: Jeanne Jirges
    Jeanne Jirges
  • 11. Juni
  • 7 Min. Lesezeit

Und wie wir als Gesellschaft mit Lipödem im Sommer umgehen können.


Unterschiedliche weibeliche Beine

Es ist wieder diese Zeit des Jahres. Die Sonne brennt, die Eisgeschäfte sind voller Menschen, die sich keine Gedanken um Kalorien machen müssen und die Schaufenster quellen über von luftigen Minikleidern und Shorts. Während die Welt da draußen den Sommer zelebriert, fühlt er sich für dich jedoch wie ein Spießrutenlauf an.


Du sitzt da – eingepackt in deine Kompression, die Haut ist gereizt, die Beine fühlen sich an wie Blei und schmerzen vielleicht sogar bei jeder Bewegung. Dein Blick nach links und rechts zeigt Frauen mit makellosen, schlanken Beinen und schönen Knien, die scheinbar mühelos durch die Hitze schweben.


Innerlich zieht ein Gewitter auf. In deiner Kompression und der übergroßen Bluse, die deine Silhouette kaschieren soll, fühlst du dich wie ein vollgestopfter und gleichzeitig eingeschnürter Kartoffelsack. Unförmig. Schwerfällig. Fehl am Platz. Und vor allem: unsichtbar in deiner Weiblichkeit, aber gleichzeitig im Rampenlicht starrer Blicke. Denn wehe, jemand wie du zeigt auch nur den Hauch eines Knöchels (egal ob mit oder ohne Kompression). Dabei willst du doch einfach nur einmal hübsch und leicht sein. Den Sommer so genießen, wie er auf Plakaten und in Filmen zelebriert wird: im kurzen Kleid Sonne tanken und barfuß über den Sandstrand spazieren.


Und was bekommst du stattdessen in den sozialen Medien oder von gut gemeinten Ratgebern zu hören?

„Du musst dich einfach selbst lieben! Jeder Körper ist schön. Akzeptiere dich so, wie du bist – dein Körper ist ein Wunder!“


Aus meiner professionellen Perspektive als psychosoziale Beraterin weiß ich genau, wie sehr diese ständigen „Liebe dich selbst“-Forderungen zusätzlichen Druck erzeugen.


Meine fachliche Meinung dazu: Bullshit.



Vergiss die Selbstliebe bei Lipödem im Sommer

Zumindest die Variante, die dir auf Social Media suggeriert wird.


Die gängigen Social-Media-Parolen sind zwar gut gemeint, für viele Lipödem-Betroffene aber schlicht toxisch. In meinen Sitzungen mit Klientinnen höre ich regelmäßig Sätze wie: „Ich hasse meinen Körper!“, „Ich könnte jedes Mal weinen, wenn ich Frauen mit schönen Beinen sehe“ oder „Der Sommer ist für mich immer zum Heulen.“ Das sind reale Empfindungen, keine Übertreibungen. Ratschläge wie „Zieh doch einfach an, was du möchtest“ belasten oft mehr, als sie helfen. Betroffene fühlen sich dadurch unverstanden. Das ist so, als würde man einer depressiven Person sagen: „Sei halt glücklich“, oder jemandem mit Panikattacken raten: „Hab einfach keine Angst.“



Frau im Sommer mit Lipödem an den Armen

Natürlich können Betroffene tragen, was sie wollen. Doch was passiert, wenn die Blicke oder Kommentare beginnen? „Meine Freundin hat gesagt, alle Körper sind schön, deshalb darf ich das anziehen“, wäre ein spannendes Experiment auf der Straße. Ob es den gewünschten Effekt hat, bleibt fraglich. Denn Fakt ist: Alle Körper sind schön und zu akzeptieren – solange wir sie nicht im Alltag sehen. Sobald Menschen mit mehr Volumen auftauchen, heißt es plötzlich: „Die haben keinen Selbstrespekt, wie kann man sich nur so anziehen?“ Oder: „Also ich würde mich das nicht trauen.“ Und da frage ich mich dann: Wenn du dich das mit diesem Körper nicht trauen würdest – sind dann wirklich alle Körper schön?


Meiner Meinung nach muss man den Satz korrigieren und so formulieren, wie er real gelebt wird: „Alle Körper haben ihre Daseinsberechtigung, aber nicht alle sind zum Herzeigen da.“ Diese Aussage entspricht der Alltagsrealität weit mehr. Sobald eine Silhouette aus der Norm fällt, fallen die Reaktionen selten überwiegend positiv aus.


Das ist eine Wahrheit, die viele nicht wahrhaben wollen. Vielleicht, weil sie selbst so aufgeschlossen sind, dass sie nicht urteilen. Aber was ist mit dem Rest? Dieser Teil der Gesellschaft urteilt, starrt und kommentiert sehr wohl. Mit dieser Realität müssen Betroffene umgehen (lernen) – und das passiert nicht von heute auf morgen. Dafür braucht es psychosoziale Unterstützung. Ein einfaches „Ich steh da drüber“ klingt zwar gut, stimmt aber meistens nicht. Sobald die Haustür hinter einem ins Schloss fällt, fließen die Tränen. Spätestens, wenn der Magen vor Hunger knurrt, überlegt man, ob die nächste Mahlzeit wirklich nötig ist oder ob man sie nicht doch lieber weglässt. Wer dann Social Media öffnet, liest wieder: „Wenn du geliebt werden willst, musst du dich selbst lieben.“ In meinen Augen eine sehr gefährliche Pauschalaussage, die kontextbezogen zu verstehen und nicht allgemein anwendbar ist.


Wenn dich etwas täglich körperlich und seelisch verletzt, kannst du es nicht einfach „lieben“ – und niemand sollte das von dir verlangen. Du würdest zu einem Opfer häuslicher Gewalt auch nicht sagen: „Du musst dich einfach mehr lieben, dann hört dein Partner auf, dich zu schlagen.“ Plötzlich bekommt das Ganze eine ganz grausige Dynamik, oder?




Frau im Sommer mit Lipödem an den Beinen

Was bei Lipödem wirklich notwendig ist:

Verständnis, Aufklärung und konkrete Strategien.


Du darfst wütend, enttäuscht und traurig darüber sein, dass dein Körper anders ist. Das Zulassen dieser Gefühle ist der erste Schritt, um dich mit der Realität auseinanderzusetzen. Aber du darfst nicht im Selbstmitleid versinken. Nach dem Fühlen kommt das Handeln. Das Lipödem hat vielleicht deinen Körper im Griff – aber es bekommt nicht deinen Verstand, nicht deine Ausstrahlung und nicht deine Lebensjahre.



Das bedeutet "Confidence" bei Lipödem

Selbstvertrauen heißt nicht, darauf zu warten, bis die Krankheit verschwindet – denn das wird sie nicht. Confidence bedeutet: „Ja, meine Beine sind heute geschwollen. Ja, ich trage Kompression. Ja, ich bin durch die Schmerzen eingeschränkt. Und trotzdem hole ich mir meinen Platz im Leben zurück.“ 




Gesellschaftlicher Ansatz

Was wir tun können, wenn wir jemanden mit Lipödem sehen.



Frau mit Lipödem und Kompressionstherapie im Sommer

Gleichzeitig ist das Problem kein reines Einzelschicksal. Unser Umgang mit Körpern im Sommer ist sozial geprägt: Was als „schön“ gilt, ist ein kulturelles, historisch und global wandelbares Konstrukt. In vielen Kulturen galt Fülle lange Zeit als Zeichen von Wohlstand und Fruchtbarkeit. Damals versuchten Frauen mit allen Mitteln, zu dünne Beine zu kaschieren. In den westlichen Industrienationen hat sich das Schönheitsideal über Jahrzehnte durch Medien, Modeindustrie und Wirtschaft verändert. Kurz: Das Ideal der „schlanken Beine“ ist nicht naturgegeben, sondern erlernt – und damit auch veränderbar.


Wenn du im Sommer jemanden mit Kompressionskleidung oder sichtbaren Symptomen eines Lipödems siehst, schaust du vielleicht hin. Das ist menschlich – sei es aus Ungewohntheit oder weil du gerade diesen Artikel liest und deshalb bewusster mit der Thematik umgehst. Wenn du hinsiehst, vergiss bitte nicht, dass diese Person ein Gesicht hat. Ein freundliches Lächeln bei Blickkontakt bewirkt oft ein bisserl mehr, als du denkst.


Darüber hinaus gibt es drei Ansätze, die Betroffenen wirklich helfen:


Selbstreflexion

Eigene Vorurteile erkennen.

Frag dich kurz selbst: Was denke ich gerade über diese Person? Ist das Mitgefühl oder eine Bewertung? 


Versuche, Vorurteile aktiv umzuformulieren. Zum Beispiel: Statt "Die Person ist faul/dick", rufe dir ins Gedächtnis: Hier geht es um eine chronische, schmerzhafte Erkrankung, die absolut nichts mit Disziplin zu tun hat. Du siehst ein medizinisches Symptom, keinen Mangel an Selbstbeherrschung. Menschen mit Lipödem haben sich diese Krankheit nicht ausgesucht. Sei dankbar für deine eigene Gesundheit. Nur so brechen wir das Stigma.


Automatische Bewertungen führen zu stigmatisierenden Blicken – bewusstes Innehalten und Abklären der Fakten unterbricht diesen Reflex.



Schaffe Awareness

Das Thema enttabuisieren.

Nein, du sollst natürlich nicht jede Frau auf der Straße ansprechen. Aber wenn sich ein passendes, diskretes Gespräch ergibt, kann eine informierte Aussage Perspektiven verändern: „Das, was du beschreibst, erinnert mich an Lipödem. Hast du davon schon gehört?“ Aufklärung nimmt Schuldgefühle und entkräftet Mythen. Viele Betroffene wissen nicht, dass sie an an einer chronischen Krankheit leiden und erleben oft Erleichterung, durch die Diagnose.


Schreite ein, wenn sich Freunde oder Kolleg:innen über den Körper anderer lustig machen. Auch hier darf deine edukative Seite glänzen und erwähne Lipödem sachlich. Eine chronische, schmerzhafte Erkrankung ist kein Anlass für Witze. Oder würdest du über einen Krebspatienten lachen?


Wissen reduziert Vorurteile.



Unterstützend handeln

Zuhören statt Ratschläge erteilen.

Ein kurzer Blickkontakt mit einem Lächeln, das Anbieten eines Sitzplatzes oder die Frage: „Wenn du möchtest, höre ich dir einfach zu“ – das sind Gesten, die gut tun.


Was du bitte unterlassen solltest: Ungefragte Ratschläge, Körperkommentare oder „gut gemeinte“ Heilungsversprechen. Diese Krankheit ist nicht heilbar. Mit jedem vermeintlichen Geheimtipp wird die betroffene Person schmerzhaft mit der Realität konfrontiert, dass es keine Heilung gibt. Jedes. Einzelne. Mal. Kleine Gesten zeigen Respekt sowie menschliche Rückendeckung und schaffen Verbundenheit – etwas, das Ratschläge niemals leisten können.


Wusstest du, dass Frauen mit Lipödem ihre konservative Therapie konsequent durchziehen müssen? Das bedeutet, dass sie sogar bei 25 Grad die dicke Stoffleggings brav tragen müssen, weil die Beine sonst anschwellen.


Empathie schafft Sicherheit.



Psychosoziale Beratung

Für Betroffene und Angehörige


Als diplomierte psychosoziale Beraterin (Lebens- und Sozialberatung – LSB, gemäß §119 GewO) biete ich nicht-medizinische Begleitung an: psychoedukativ, stabilisierend und handlungsorientiert. Ich helfe dir dabei, Ressourcen zu aktivieren, deine Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen und konkrete Alltagsstrategien zu etablieren, um trotz der Symptome Lebensqualität zu genießen.


Hier widmen wir uns Themen wie Scham, Selbstzweifel oder dem Umgang mit fremden Blicken. Wir können die Gesellschaft nicht von heute auf morgen ändern, aber wir können ändern, ob und was es mit dir macht und wie stark oder schwach es deine Lebensfreude beeinflusst. Der Blick anderer Menschen darf nicht daran Schuld sein, dass du keinen schönen Sommer hast oder Erinnerungen mit FreundInnen verpasst.



Du bist nicht allein!

Jede achte bis zehnte Frau ist von Lipödem betroffen.


Sommer darf Freude sein, auch für Menschen mit Lipödem. Du musst dein Lipödem nicht lieben, aber du kannst lernen, selbstbewusst zu leben. Und wir als Gesellschaft können lernen, weniger zu werten, mehr zu verstehen und kleine, menschliche Gesten zu setzen, die mehr bewirken als tausend gutgemeinte Ratschläge.


Wenn dir beim Lesen eine bestimmte Person eingefallen ist, die von diesem Text profitieren könnte: Teile den Artikel mit ihr und frage einfach: „Wie geht’s dir eigentlich damit?“ Ein echtes Gespräch kann vieles verändern.



Jeanne Jirges, Lipödem Life Coach

Über mich

Dein Lipödem Life Coach


Ich bin dipl. psychosoziale Beraterin und Lipödem‑Life‑Coach mit Sitz in Wien.


Als Betroffene kenne ich die körperlichen und psychischen Herausforderungen aus eigener Erfahrung, inklusive Liposuktion, die ich selbst erlebt habe.


In meinen Sitzungen kombiniere ich Psychoedukation mit praktischen Strategien zur Ressourcenstärkung. Mein Ziel ist es, dich mental zu stärken, deine Selbstwirksamkeit zu erhöhen und deinen Alltag so zu gestalten, dass Lebensqualität wieder möglich wird.


Oder mit anderen Worten: Du lernst selbstbewusst auf die Meinung anderer zu scheißen.


Aktuell freie Termine findet ihr hier: Aktuelle Termine





 
 

 

Confidence Coaching mit Jeanne Jirges, dipl. Psychosozialer Beraterin in 1190 Wien & online.

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